Matthes & Seitz Berlin2026
erschienen 2026 in KUNSTFORUM
Das schwarze Quadrat kann als einer der großen Meilensteine am Beginn des 20. Jahrhunderts gelten. Aber ist es auch verstanden worden? Aufgrund früher Zweifel an den Zuordnungen, die das Werk des Kasimir Malewitsch erfahren hat, begann die im Prag des Kalten Krieges aufgewachsene Kunsthistorikerin Noemi Smolik schon früh, den diesbezüglichen Ungereimtheiten nachzugehen. Dann vom Westen aus verfolgte sie diese Recherche über die Jahre weiter. Denn je mehr sie die großenteils unübersetzten russischen Texten aus jener Zeit studierte, desto deutlicher wurde, wie falsch der Eindruck war, den die westliche Geschichtsschreibung vermittelte. Ihr gilt er nur als grobschlächtiger Teil einer Bewegung, deren eigentliches Zentrum in Paris lag und deren Ziel die moderne Utopie einer rational kontrollierten Moderne ist. Aus den vielen Zeugnissen und Belegen, die das Buch in immer wieder neu ansetzenden Erzählsträngen zusammenträgt, ergibt sich jedoch ein völlig anderes Bild. So orientierte sich Malewitsch sehr viel mehr am »Osten«, also an der tief religiös geprägten Kultur, die dem Westen als primitiv galt. Die systematische Verkennung durch den »Westen« wertet Smolik als Fall von (post-)kolonialer Arroganz und hält dem das Potential einer russischen Spiritualität entgegen, die nicht nur zu treffendem Witz und mutigem Einsatz befähigt, sondern auch, wie schon Marx hatte zugeben müssen, eine nachhaltige Form von bäuerlichem Sozialismus ermöglichte. Eben dieser Quelle fühlten sie die Künstler*innen des Kreises um Malewitsch verbunden und von daher verstanden sie sich auch als Teil der Revolution, die sich allerdings bald brutal gegen ihre besten Kräfte richtete. Nicht zuletzt beinhaltet das einen starken Bezug zur Ikonenmalerei, die schon immer außerhalb der Normen visueller Repräsentation stand, auf die eine westlich orientierte Bildungselite auch in Russland die Kunst eingeschworen hatte. Und aus diesem Milieu kamen denn auch die starken künstlerischen Impulse angesichts der Verwerfungen, die sich im Zuge der Moderne und ihren technologischen und politischen Entwicklungen anbahnten. Malewitschs Revolte galt einer Hegemonie bürgerlicher Selbstzufriedenheit, die sich um die gesellschaftliche Basis wenig scherte. Dem stellte er die universale Formel einer Selbstlosigkeit, als einem Nullpunkt gegenüber, von dem aus eine andere Zukunft möglich wäre, eine in der es nicht um Ausbeutung, sondern um eine gemeinsame Lösung der Menschheitsfragen ginge. Noemi Smolik, Malewitschs Ohrfeige dem modernen Geschmack, Matthes & Seitz Berlin, 2025, 488 Seiten, 38 Euro.
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