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Karen van den Berg, Große Kunst – Hyperwachstum in der Kunstpraxis


Karen van den Berg
Große Kunst. Hyperwachstum in der Studiopraxis

Ein hervorstechendes Merkmal der massiven Verschiebungen, die im Kunstsystem kaum zu ignorieren sind, ist das enorme Größenwachstum. Was zeigt es an: neofeudale Dekadenz oder breite öffentliche Teilhabe? Mit dieser umfangreichen und gründlich recherchierten Studie werden maßgebliche Ursachen des Phänomens aus verschiedenen Perspektiven zusammengeführt. Hier etwa das neue Anforderungsprofil in Bezug auf hochambitionierte fabrikatorische Leistungen, die zudem finanziert werden müssen – dort die Frage, wie der Nimbus genialer Autorschaft noch aufrechterhalten werden kann. Welche Richtung nimmt also die Kunstproduktion angesichts des neuen Hyperreichtums der Wenigen, die sich auf einem boomenden Hochpreismarkt der Fetischobjekte zu überbieten suchen? Wird dabei die gesellschaftliche kreative Substanz aufgezehrt, oder wird sie technisch, und vor allem inhaltlich, auch bereichert? Kunstproduzierende sind ja nicht unbedingt nur willige Diener, sondern agieren eigensinnig und leisten sogar Widerstand. Aber können sie das auch noch, wenn sie nur willige Helfer im Schatten der Stars sind? Und was hält davon bei Letzteren Stand, wenn das Studio zum Ort eines eng getakteten Managements wird, das komplexe Prozesse termingerecht abwickeln muss?
Besondere Aufmerksamkeit widmet das Buch den mehr oder weniger anonymen neuen Herstellersoziotopen, die sich im Kontext einer wachsenden Kreativindustrie herausbilden, und etwa als »Hintergrundkünstler:innen« oder in »Fabricator«-Betrieben kenntnisreich und innovativ an der Realisierung der Werke mitarbeiten, aber nach Außen bloße Instrumente bleiben. Manchmal handelt es sich bei dieser Art der Aufteilung der Sichtbarkeiten um blanken Zynismus, wie etwa bei Damien Hirst, der seine ca. 1500 Spot-Paintings in sweatshop-artigen Hallen fabrizieren ließ, sich aber medial als deren einsamer Schöpfer inszenierte. In anderen Fällen, wie bei dem Ghanaer El Anatsui, verbindet sich die transparent organisierte Produktion seiner Wandteppiche, die in Nigeria aus tausenden recycelten Flaschenverschlüssen zusammengesetzt werden, mit der Wertschätzung einer lokalen Überlebensstrategie.
Am Rande der Studie zeichnet sich allerdings noch eine radikalere Alternative ab: die der selbstorganisierten Kollektive. Ansätze wie Artistic Research oder aktivistischer Kunst sind ja nicht nur zu Großprojekten in der Lage. Sie könnten sogar die Aporien des traditionellen Studios auf einer fundamentaleren Ebene lösen.

Tentare Verlag, 2025, 384 S., zahlreiche Abbildungen, EUR 34,-